Wie ihr wisst, waren wir auch dieses Jahr auf der Gamescom. Dabei schauen wir, was sich für unseren Bereich eignet, welche Trends aktuell „sind“ und unterhalten uns mit den Anbietern der verschiedenen Spiele und Produkte. Dabei ist uns in den letzten Jahren verstärkt aufgefallen, dass einst „niedliche“ Mitnahmeartikel wie ein Stift, ein Keks oder eine Probepackung schon lange nicht mehr überall „ausliegen“ und frei verfügbar sind. Eigentlich möchte man nur kurz (oder nach längerer Wartezeit) ein Spiel ausprobieren oder am Glücksrad drehen, um das gewünschte kleine Kuscheltier zu erhalten, welches es NUR auf der Messe gibt.  Doch vorher soll man noch schnell einen Beitrag liken, dem Veranstalter folgen und am besten gleich die Accounts der Partner abonnieren. Achso – nicht vergessen – noch ein Bild des Standes anfertigen und alle miteinander markieren. Muss das wirklich sein?

Man steht an einem Messestand, schaut anderen beim Spielen zu und bekommt selbst Lust, mitzumachen. Vielleicht hat man schon ein paar Minuten gewartet. Dann kommt die Bitte, das Smartphone herauszuholen: „Du musst uns nur kurz folgen.“ Aus dem einen Account werden womöglich drei, dazu kommen ein Like und eine Markierung. Alles Kleinigkeiten, könnte man sagen. Aber wenn sich das an mehreren Ständen wiederholt, ist der Messebesuch irgendwann auch mit einer ganzen Reihe neuer Abonnements verbunden, die man eigentlich gar nicht wollte. Aus Sicht der Aussteller ist der Wunsch nach neuen Followern verständlich. Ein Messeauftritt kostet Geld und Arbeit. Da möchte man auch nach der Veranstaltung in Kontakt bleiben und auf eigene Angebote aufmerksam machen. Wer einen Beitrag teilt oder Freunde markiert, hilft außerdem dabei, weitere Menschen zu erreichen. Mehr Follower, mehr Bekanntheit und mehr Interaktionen gehören entsprechend zu den Zielen. Vielleicht findet ihr (wie wir) teilweise Produkte so toll, dass man sie selbstverständlich teilt, um einfach darauf aufmerksam zu machen. Doch für jede Interaktion?

Dazu kommt, dass sich neue Follower leicht zählen lassen. Nach der Messe kann man eine Zahl vorlegen und zeigen, was die Aktion gebracht hat. Ob jemand ein gutes Gespräch geführt, etwas verstanden oder einen hilfreichen Kontakt gefunden hat, ist schwerer zu erfassen. Genau da lohnt es sich, genauer hinzusehen: Ein Like, den jemand abgibt, um endlich spielen zu dürfen, erzählt schließlich wenig darüber, wie gut ihm das Angebot gefällt. Diese Frage wird auch in der Forschung diskutiert. Leslie K. John und ihr Team untersuchten, ob Menschen eine Marke besser finden oder eher kaufen möchten, nachdem sie ihr auf Facebook ein Like gegeben haben. Für das bloße Liken fanden sie in ihren Experimenten keinen solchen Effekt. Die Studie stammt aus dem Jahr 2017 und lässt sich nicht einfach auf jede heutige Plattform übertragen. Sie gibt aber Anlass, Followerzahlen als Erfolgsmaß zu hinterfragen. John hat die Ergebnisse auch in einem gut zugänglichen Fachbeitrag kritisch eingeordnet.

Mit Gewinnspielen selbst beschäftigten sich Kevin Schwehm und Jana-Kristin Prigge. Für ihren Forschungsbeitrag erfassten sie 1.049 Instagram-Gewinnspiele von 115 Influencern. Sie wollten herausfinden, wie der Wert der Preise und der Aufwand für die Teilnahme mit Likes und Kommentaren zusammenhängen. Die abschließende Auswertung stand in diesem Beitrag noch aus. Schon die Fragestellung macht aber deutlich, welchen Tausch man hier untersucht: Eine Gewinnchance soll Menschen zu bestimmten Handlungen bewegen. Am Messestand kommt etwas hinzu, das sich in einer Followerzahl überhaupt nicht zeigt: Es kann unangenehm sein, Nein zu sagen. Die Freunde machen schon mit, hinter einem warten die nächsten Besucher, und vor einem steht jemand, der nachsehen möchte, ob man wirklich folgt. Da klickt man vielleicht schneller auf „Abonnieren“, als man es in Ruhe getan hätte. Die Sorge, ein schönes Erlebnis mit anderen zu verpassen, wird in der Forschung als „Fear of Missing Out“ (FOMO) beschrieben. Sie könnte auch hier eine Rolle spielen. „FOMO“ begegnet uns auch in anderen aktuellen Kontexten – man denke allein an den Hype zum 30-jährigen Jubiläum von Pokémon und den absurden Preisen, zu denen schon vor Release mit den Boxen gehandelt wird.

Dabei gibt es gute Gründe, einen Account nicht abonnieren zu wollen. Vielleicht interessiert einen der Inhalt schlicht nicht. Vielleicht nutzt man die Plattform bewusst nicht oder hat gerade kein Smartphone dabei. Bei Kindern und Jugendlichen kann auch die Entscheidung der Eltern dahinterstehen, noch keinen eigenen Account einzurichten. Es wäre ziemlich widersprüchlich, solche Entscheidungen grundsätzlich zu respektieren und die Jugendlichen dann bei einer Spielaktion deswegen außen vor zu lassen. Gerade auf Bildungs- und Jugendveranstaltungen sollte man auch ohne Social Media mitmachen können. Wie die Bedingungen vermittelt werden, macht ebenfalls einen Unterschied. Weiß ich vorher, worauf ich mich einlasse? Oder erfahre ich erst nach dem Anstehen, was ich alles erledigen soll? Die Verbraucherzentralen beschreiben unter dem Begriff „Dark Patterns“, wie Websites und Apps Menschen zu Handlungen drängen können, die sie eigentlich nicht vorhatten. Eine Follow-Bedingung ist nicht automatisch ein solcher Fall. Kritisch wird es, wenn Bedingungen versteckt werden, immer neue Forderungen hinzukommen oder ein Nein absichtlich schwer gemacht wird. Für Besucher hilft oft eine einfache Frage: Würde ich diesem Account auch folgen, wenn es nichts zu gewinnen gäbe? Brauche oder möchte ich diesen Gewinn überhaupt? Und man darf am Stand ruhig nachfragen, ob die Teilnahme anders möglich ist. „Ich würde gern mitspielen, möchte aber keine Accounts abonnieren“ ist eine völlig vernünftige Antwort. Die Verbraucherzentralen raten bei manipulativen Angeboten dazu, sich Zeit zu nehmen, die Bedingungen genau anzuschauen und sich kein schlechtes Gewissen machen zu lassen. Das lässt sich auch für den Messebesuch mitnehmen.

Allerdings sollten Besucher nicht jedes Mal selbst um eine Ausnahme bitten müssen. Veranstalter können von vornherein eine Teilnahme am Stand, eine Losnummer oder ein Formular ohne Plattformkonto anbieten. Wenn für die Gewinnbenachrichtigung Kontaktdaten nötig sind, sollten sie auf diesen Zweck beschränkt bleiben. Zusätzliche Werbung sollte man gesondert und freiwillig auswählen können. Ein Hinweis auf den Instagram-Kanal passt trotzdem dazu. Nach einem guten Gespräch interessiert man sich vielleicht sogar dafür, was dort sonst noch zu finden ist. Für uns als Medienzentrum ist das auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wir möchten junge Menschen darin unterstützen, selbst über ihre Mediennutzung zu entscheiden. Dann sollten wir auch akzeptieren, wenn sie einen Dienst nicht nutzen oder einen Account nicht abonnieren wollen. Über ein Gewinnspiel lässt sich mit ihnen gut ins Gespräch kommen: Was bekomme ich, was gebe ich dafür her, und warum möchte der Anbieter gerade diesen Klick von mir? Dafür braucht es keine große Belehrung. Die Situation selbst liefert genug Gesprächsstoff.

Wir wünschen uns deshalb Messeaktionen, bei denen man ohne solche Umwege mitmachen kann. Ein gutes Spiel und ein freundliches Gespräch dürfen auch einfach für sich stehen. Dass das funktioniert, haben wir auf der diesjährigen Gamescom an mehreren Ständen erlebt. Dort kam man mit uns ins Gespräch, ohne gleich eine Gegenleistung zu erwarten. Als langjährige Survival-Fans haben wir besonders den Valheim-Stand in guter Erinnerung. Die Mitarbeitenden nahmen sich Zeit für einen lockeren Austausch. Anschließend konnten wir gemeinsam mit anderen Besucherinnen und Besuchern, die wir bis dahin nicht kannten, gegen einen Endboss antreten. Wir mussten uns verständigen, Absprachen treffen und als Team zusammenarbeiten – und das gleich in mehreren Sprachen. Nach der gemeinsamen Schlacht bekam jeder von uns überraschend ein Kuscheltier geschenkt. Einfach so, ohne dass wir danach gefragt hätten oder dafür noch etwas erledigen sollten. Das war eine schöne Aufmerksamkeit. In Erinnerung geblieben sind uns aber vor allem die freundlichen Gespräche und das Gefühl, willkommen zu sein, ohne etwas dafür tun zu müssen. Genau diese Ungezwungenheit wünschen wir uns auch an anderen Messeständen: gemeinsam spielen, ins Gespräch kommen und mit einem guten Gefühl weitergehen.

Gerade wer mit Bildung und Medienkompetenz wirbt, sollte darauf vertrauen, dass ein überzeugendes Angebot Interesse weckt. Über einen neuen Follower kann man sich anschließend immer noch freuen.

 

 

Quellen und Einordnung

2026-10-06T12:00:21+01:00
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