Seit dem 1. August 2026 wird in Deutschland schrittweise ein Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung für Kinder im Grundschulalter eingeführt. Auch in Hessen beginnt er mit den Kindern, die im Schuljahr 2026/2027 in der ersten Klasse ankommen. Für Familien schafft das mehr Verlässlichkeit. Für Schulen, Schulträger und weiteren Organisationen beginnt damit zugleich eine Gestaltungsaufgabe: Aus einem achtstündigen Zeitrahmen wird nicht automatisch ein guter Tag – zumindest so lange er keinen konkreten Auftrag oder einer Leitidee folgt.
Gerade Kinder am Beginn ihrer Schulzeit leisten an einem Tag enorm viel: Sie verstehen neue Regeln, bauen Beziehungen auf, lernen sich zu konzentrieren, lösen Konflikte und orientieren sich in einer noch ungewohnten Umgebung. Teilweise erlernen sie die ganze Sprache neu oder festigen sie. Ein lückenlos getakteter Plan geht an diesen Bedürfnissen vorbei. Ein guter Ganztag braucht deshalb nicht nur Plätze und Personal, sondern Zeit für Bewegung, Spiel, Rückzug, Freundschaften, Kreativität und echte Mitbestimmung. Wir liefern euch deshalb die gesetzliche Grundlage und unserer Meinung nach wichtige Aspekte, welche es vor allem im Bereich „Medien“ zu bedenken gibt.
Was seit August gilt
Rechtliche Grundlage ist das Ganztagsförderungsgesetz des Bundes. Der Anspruch steht in § 24 Absatz 4 SGB VIII. Seit dem 1. August 2026 wird er stufenweise eingeführt. Für Erstklässlerinnen und Erstklässler beginnt er jeweils mit dem Schuleintritt. Anschließend wächst der Anspruch jahrgangsweise auf:
- Schuljahr 2026/2027: Klassenstufe 1
- Schuljahr 2027/2028: Klassenstufen 1 und 2
- Schuljahr 2028/2029: Klassenstufen 1 bis 3
- Schuljahr 2029/2030: Klassenstufen 1 bis 4
Der Anspruch ist ein Recht des Kindes, keine Pflicht zur Teilnahme. Er umfasst montags bis freitags – gesetzliche Feiertage ausgenommen – acht Stunden täglich. Unterricht und anrechenbare schulische Ganztagsangebote zählen dabei mit. Er gilt grundsätzlich auch in den Schulferien. Hessen erlaubt nach § 25e des Hessischen Kinder- und Jugendhilfegesetzbuchs Schließzeiten von insgesamt bis zu vier Wochen im Jahr. Für Kinder, die in dieser Zeit nicht von ihren Eltern betreut werden können, ist jedoch grundsätzlich eine anderweitige Betreuungsmöglichkeit sicherzustellen. Neu ist außerdem: In den Ferien können bestimmte Angebote der Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII den Anspruch erfüllen, wenn sie von einem öffentlichen oder anerkannten freien Träger der Jugendhilfe bereitgestellt werden. Nicht jedes Vereinsangebot ist damit automatisch anspruchserfüllend – qualifizierte Kooperationen können aber Teil der Lösung sein.
Verantwortlich sind die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe – in der Regel der Landkreis oder die kreisfreie Stadt. Der Anspruch knüpft an den Wohnort des Kindes an und muss nicht zwingend an der besuchten Grundschule erfüllt werden. Wie Familien ihn praktisch nutzen können, hängt deshalb weiterhin vom Standort, vom Träger und von den verfügbaren Angeboten ab.
Nicht jedes bestehende Betreuungsangebot ist automatisch anrechenbar. Nach den aktuellen Hinweisen des Landes können die Profile 1, 2 und 3 sowie der „Pakt für den Ganztag“ grundsätzlich einbezogen werden; Profil 1 erfüllt die Zeitvorgaben nicht immer. Reine Betreuungsangebote der Schulträger nach § 15 HSchG decken zwar weiterhin Bedarfe, gelten mangels der erforderlichen Aufsicht nach SGB VIII aber nicht als Erfüllung des Rechtsanspruchs.
Hessen beginnt nicht bei null
Hessen baut ganztägige Angebote seit vielen Jahren aus. Eine besondere Rolle spielt der „Pakt für den Ganztag“, in dem Land und Schulträger gemeinsam Verantwortung für ein integriertes Bildungs- und Betreuungsangebot übernehmen. Teilnehmende Grundschulen und Grundstufen von Förderschulen halten an fünf Tagen Angebote von 7.30 bis 17.00 Uhr sowie eine Ferienbetreuung vor. Eltern können zwischen mindestens zwei Zeitmodulen wählen. Die Teilnahme ist grundsätzlich freiwillig, nach der Anmeldung für den vereinbarten Zeitraum jedoch verbindlich.
Für den Landkreis Darmstadt-Dieburg ist diese Entwicklung keineswegs neu. Er gehörte bereits im Schuljahr 2015/2016 gemeinsam mit fünf weiteren Schulträgern zu den Pilotregionen des damaligen „Pakts für den Nachmittag“. Die Erfahrungen und Strukturen aus dieser Zusammenarbeit sind eine gute Grundlage. Trotzdem markiert der Rechtsanspruch einen Einschnitt: Künftig geht es nicht mehr allein darum, ein Angebot auszubauen, sondern einen individuellen Anspruch verlässlich zu erfüllen. Die größte Entwicklungsaufgabe liegt deshalb nicht allein in der Zahl der Plätze. Für die ganztägigen Angebote im schulischen Landesprogramm sieht Hessen über die bestehenden schulrechtlichen Regelungen hinaus keinen zusätzlichen landesweit einheitlichen Betreuungsschlüssel und keine festen Vorgaben zur Raumgröße vor. Umso mehr hängt die Qualität von tragfähigen Konzepten vor Ort ab: von verlässlichen multiprofessionellen Teams, gemeinsamen Zeiten für Absprachen und Räumen, die Spiel, Begegnung, Bewegung und Rückzug zulassen.
Ganztag ist kein verlängerter Unterricht – oder eine reine Beaufsichtigung
Die Kultusministerkonferenz betont in ihren Empfehlungen zur pädagogischen Qualität, dass ein guter Ganztag formale, non-formale und informelle Lerngelegenheiten verbindet. Gemeint sind damit Unterricht und Lernzeiten ebenso wie Arbeitsgemeinschaften, Projekte, Bewegung und freies Spiel. Forschungsergebnisse der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen zeigen zugleich: Mehr Zeit allein erzeugt noch keine bessere Förderung. Positive Wirkungen sind vor allem dann zu erwarten, wenn Angebote hochwertig sind, über längere Zeit verlässlich genutzt werden, an den Interessen der Kinder anknüpfen und von guten Beziehungen getragen werden.
Für Erstklässlerinnen und Erstklässler heißt das vor allem: Der Tag braucht einen Rhythmus. Nach einer konzentrierten Unterrichtsphase muss nicht sofort das nächste angeleitete Lernangebot folgen. Kinder benötigen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Gruppe und Rückzug, zwischen angeleiteter Tätigkeit und selbst gewähltem Spiel. Ein Ruheraum, eine Leseecke oder eine Bauteppich-Zone sind deshalb keine pädagogischen Nebensachen. Sie gehören ebenso zu einem guten Ganztag wie ein Lernraum oder ein Bewegungsangebot. Ein hilfreiches Grundprinzip lautet: so viel Struktur wie nötig, so viel Wahlfreiheit wie möglich. Wiederkehrende Abläufe geben Sicherheit – etwa ein gemeinsames Ankommen, das Mittagessen, eine freie Bewegungszeit und ein kurzer Tagesabschluss. Innerhalb dieses Rahmens sollten Kinder entscheiden können, ob sie bauen, lesen, malen, spielen, forschen oder zunächst einfach zur Ruhe kommen möchten.
Der Ganztag kann Kindern Zugänge eröffnen, die im Familienalltag sehr unterschiedlich verteilt sind: zu Büchern und Brettspielen, Bewegung und Natur, Musik, Robotik oder kreativer Medienarbeit. Gerade darin liegt ein großes Entwicklungspotenzial für echte Bildungsgerechtigkeit. Das gelingt jedoch nicht automatisch. Gute Angebote funktionieren ohne eigenes Gerät, ohne besondere Vorerfahrung und möglichst ohne zusätzliche Kosten oder Elternfahrdienste. Sie bieten unterschiedliche Rollen und zugängliche Materialien, damit Kinder mit wenig Deutschkenntnissen, geringer Lesesicherheit, Behinderung oder wenig Erfahrung selbstverständlich mitmachen können. Teilhabe ist kein Zusatzangebot, sondern ein Qualitätsmerkmal. Angebote, wie eine Hausaufgabehilfe – z.B. durch Oberstufenschüler/innen können hier stützen und Benachteiligungen aus dem Elternhaus verringern. Nicht jeder kann sich eine solche Nachhilfe leisten und die KI ist nicht immer der Lernpartner der 1. Wahl (und hängt qualitativ im Umkehrschluss wieder vom Abomodell des Elternhauses ab).
Sieben Ideen, die klein anfangen und mitwachsen können
1. Eine echte Ankommenszeit schaffen
Der Übergang vom Unterricht in den Nachmittag sollte sichtbar gestaltet werden. Ein kurzer Check-in mit Bildkarten oder einer „Wie geht es mir?“-Tafel hilft auch Kindern, die ihre Gefühle noch nicht sicher in Worte fassen können. Danach folgen 20 bis 30 Minuten ohne Leistungsauftrag: trinken, erzählen, bewegen, still werden oder frei spielen. Das verhindert, dass sich der Nachmittag wie eine zweite Unterrichtsschicht anfühlt. Die Bildkarten können schulintern gestaltet und weiterentwickelt werden – vielleicht über eine digitale Zeichnung – oder doch ganz analog. Ihr habt keine Idee, wie das aussehen kann? Schreibt uns an, dann werden wir gemeinsam kreativ :)
2. Bewegung täglich einplanen – möglichst draußen
Bewegung sollte kein gelegentliches Zusatzangebot sein. Kleine Bewegungsbaustellen, Balancierwege, Fangspiele, Seilspringen, Ballspiele oder Naturaufträge lassen sich mit wenig Material umsetzen. Eine „Draußenforscher-Karte“ kann Kinder dazu anregen, Blattformen zu suchen, Geräusche zu zählen, Wolken zu beobachten oder kleine Fundstücke zu sortieren. So verbinden sich Bewegung, Wahrnehmung und Sachlernen, ohne dass daraus eine weitere Schulstunde wird. Klein anfangen: Eine wetterfeste Draußenkiste mit Kreide, Seilen, Lupen, Sammelkarten und zwei Bällen steht täglich bereit. Ein wechselnder Materialdienst prüft am Ende, was wieder mit hineinmuss. Dabei kann schon ganz früh eingeübt werden, dass Tiere und Insekten einen besonderen Schutz erfahren und nur „zur Beobachtung“ und nicht zum Anfassen da sind. Nutzt schulische Tablets und fotografiert eure Funde, Bearbeitet sie nach, zeichnet sie – zeigt einfach, dass ihr euch mit eurer Umgebung beschäftigt und lasst die Umgebung Ausgangspunkt weiterer Erfahrungen werden.
3. Eine betreute Spielwerkstatt aufbauen
Brett- und Kartenspiele sind für Kinder oft eine tolle Sache – sie fördern das Verständnis von Regeln, üben Frustrationstoleranz ein und belohnen vorausschauendes Denken und den Umgang mit temporären Gewinnen und Verlusten. Besonders geeignet sind kurze Spiele mit einfachen Regeln, überschaubarer Wartezeit und hohem Aufforderungscharakter. Kooperative Spiele helfen beim Einstieg, weil Kinder gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
Für den Ganztag der ersten Klasse bieten sich beispielsweise an:
- Zauberberg (ab 5 Jahren, etwa 15 Minuten): kooperativ oder in Teams spielbar; regt zum gemeinsamen Planen, Beobachten und Besprechen von Entscheidungen an.
- Concept Kids – Tiere (ab 4 Jahren): Tiere werden mithilfe von Symbolen beschrieben. Das Spiel eignet sich für heterogene und mehrsprachige Gruppen, weil nicht das Lesen im Mittelpunkt steht.
- Magic Maze Kids (ab 5 Jahren): ein kooperatives Knobelspiel, das Absprachen, Aufmerksamkeit und räumliche Orientierung fordert.
- Die magischen Schlüssel (ab 6 Jahren, etwa 15 Minuten): verbindet eine leicht verständliche Risikoabwägung mit einem motivierenden Spielmaterial.
- Topp die Torte (ab 6 Jahren, etwa 20 Minuten): schult spielerisch Augenmaß, Vergleichen und erste strategische Entscheidungen.
Zu Beginn reichen wenige Spiele – und ein Konzept dahinter, z.B. das „Spiel der Woche“, um es mit einer Kleingruppe zu erproben. Aus dem „Spiel der Woche“ werden dann Spielepatenschaften. Kinder erklären Regeln, moderieren eine Runde und sammeln Varianten – dabei übernehmen sie sichtbar Verantwortung für die Gruppe.
4. Geschichten nicht nur lesen, sondern gestalten
Eine Erzählwerkstatt kann mit Bilderkarten, Gegenständen, Handpuppen oder Erzählwürfeln beginnen. Die Kinder erfinden Figuren und Handlungen, malen Szenen oder setzen sie als Schattentheater um. Dabei können sie unterschiedliche Rollen übernehmen: erzählen, Figuren bewegen, Geräusche aufnehmen, fotografieren oder präsentieren. So kann auch ein Kind mit wenig Deutschkenntnissen, geringer Lesesicherheit oder motorischen Einschränkungen sichtbar zum gemeinsamen Produkt beitragen. Klein anfangen: Eine wiederkehrende Figur erlebt jede Woche eine 60-Sekunden-Geschichte. Nach sechs Wochen werden Bilder, Geräusche und Sprecherrollen zu einem kleinen Hörbuch oder Stop-Motion-Film. Vielleicht bietet sich auch eine Verknüpfung zur Lieblingsserie oder Buch an – wichtig ist hierbei, dass die Kreativität keine Grenzen kennt.
5. Einen Mini-Makerspace für kleine Hände einrichten
Der erste Makerspace muss kein eigener Raum sein. Ein rollbarer Wagen mit Karton, Klebeband, Klammern, Bausteinen, Lupen und zwei Aufnahmegeräten reicht für den Anfang. Eine Aufgabe könnte lauten: „Baut eine Brücke, die eine Spielfigur trägt, und nehmt anschließend eine 30-sekündige Erklärung eurer Idee auf.“ Digitale und technische Werkzeuge ergänzen punktuell. Bee-Bots oder vergleichbare Bodenroboter eignen sich, um auf selbst gestalteten Matten Wege zu planen. In kleinen Gruppen entstehen kurze Stop-Motion-Filme, Geräuscherätsel oder Hörgeschichten. Medienbildung bedeutet hier nicht Bildschirmzeit als Beschäftigung, sondern gemeinsames Gestalten, Sprechen, Planen und Reflektieren. Idee zur Weiterentwicklung: Kinder übernehmen Materialpatenschaften, fotografieren Lösungen und gestalten einfache Ideenkarten für die nächste Gruppe. So wird aus einer Kiste schrittweise eine von Kindern mitgetragene Werkstatt. Es gibt außerdem tolle windgerechte Elektro-Baukästen, um erste Erfahrungen mit LEDs und Schaltungen machen zu können – das verbindet Interesse, Erfahrung und sogar ganz verstecktes Lernen.
6. Kinder an Entscheidungen beteiligen
Schon Sechsjährige können verlässlich Rückmeldung geben. Ein wöchentliches Kinderforum von zehn Minuten, eine Abstimmung über das nächste Kreativangebot oder eine Tafel mit „Das wünsche ich mir“ und „Das war heute gut“ reichen für den Anfang. Partizipation vermittelt den Kindern, dass der Ganztag ihr Lebensraum ist und ihre Perspektive zählt. Demokratie sollte hier ein fester Bestandteil sein, um auch schon den ganz Kleinen zu zeigen, dass sich Beteiligung lohnt und Teil unseres Zusammenlebens ist. Verbindlich machen: Das Team beantwortet jede Woche mindestens einen Kinderwunsch sichtbar mit „Machen wir“, „Probieren wir aus“ oder „Geht gerade nicht, weil …“. Beteiligung wird glaubwürdig, wenn auf Rückmeldungen eine Reaktion folgt. So werden Entscheidungen transparent und nicht willkürlich.
7. Kooperationen in den Sozialraum öffnen
Nicht jede Schule und nicht jeder Träger muss jedes Angebot selbst entwickeln. Bibliotheken, Sportvereine, Musikschulen, Naturschutzgruppen, Jugendhilfe, Museen und ehrenamtliche Initiativen können den Ganztag bereichern. Auch für die Ferien entstehen neue Möglichkeiten: Anerkannte Angebote der Jugendarbeit können unter den gesetzlichen Voraussetzungen zur Erfüllung des Anspruchs beitragen. Damit Kooperationen mehr sind als einzelne Aktionstage, brauchen sie ein gemeinsames Ziel, verlässliche Absprachen und einen Platz im pädagogischen Konzept. Klein anfangen: Ein Partner, ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen, ein gemeinsames Ziel und eine feste Ansprechperson. Erst nach einer kurzen Auswertung wird entschieden, ob und wie das Angebot weitergeht.
Medienbildung beginnt lange vor dem ersten eigenen Smartphone
Die meisten Kinder bringen schon bei der Einschulung Erfahrungen mit digitalen Medien mit – auch wenn sie noch kein eigenes Handy besitzen. Sie schauen Videos auf dem Smartphone ihrer Eltern, hören ältere Geschwister über Chats sprechen oder greifen auf dem Schulhof Themen auf, die sie aus dem Internet kennen. Im Ganztag lässt sich daran gut anknüpfen, ohne die Kinder einfach länger vor einen Bildschirm zu setzen. Gemeinsam können sie herausfinden, warum kurze Videos so schwer loslassen, wie Werbung unsere Aufmerksamkeit gewinnt oder weshalb man Fotos von anderen nicht ungefragt veröffentlichen darf. Dafür braucht es weder eigene Social-Media-Konten noch lange Bildschirmzeiten. Vieles lässt sich mit Bildkarten, Rollenspielen, Hörgeschichten oder einem gemeinsam produzierten Trickfilm erarbeiten.
Auch KI kann dabei behutsam eingesetzt werden. Die Kinder stellen beispielsweise gemeinsam mit einer Lehr- oder Betreuungskraft eine Frage und prüfen anschließend: Stimmt die Antwort wirklich? Was steht dazu im Sachbuch? Was haben wir selbst beobachtet? Auf diese Weise merken sie ganz nebenbei, dass eine Antwort überzeugend klingen und trotzdem falsch sein kann. KI kann Ideen für Geschichten liefern, Rätsel erfinden, schwierige Begriffe erklären oder beim Übersetzen helfen. Sie sollte in diesem Alter aber kein bloßer Zeitvertreib sein. Entscheidend sind kurze, begleitete Phasen, der Schutz persönlicher Daten und ein guter Wechsel zwischen digitalen und analogen Aktivitäten. Es geht also nicht darum, möglichst viele Medien zu nutzen. Kinder sollen vielmehr lernen, neugierig, aufmerksam und zunehmend selbstbestimmt mit ihnen umzugehen. Die wichtigste Regel begleitet sie dabei von Anfang an: Nicht alles sofort glauben, sondern gemeinsam nachprüfen.
Schon einen Manga lesen ? Wie gedruckte Bildergeschichten Leselust, genaues Hinsehen und eigene Medienproduktion anregen können
Bei Manga und Anime denken viele zunächst an umfangreiche Serien, Conventions oder bekannte Figurenwelten. Gerade wir haben in letzter Zeit viel für euch in diesem Bereich „erlebt“ und gesehen. Für den Ganztag ist dieses Vorwissen nicht notwendig. Entscheidend ist nicht, welche Marke gerade beliebt ist, sondern ob ein konkretes Werk sprachlich, emotional und gestalterisch zur Gruppe passt. Die Bildgeschichten bieten eine gute Möglichkeit, um über Darstellung, Emotion und Gefühl über ein Bild einen niedrigschwelligen Einstieg zu bekommen. Gerade für den Nachmittag darf der Zugang spielerisch sein und der Zielgruppe Spaß beim Anschauen bieten. Gefühle können dann über genau diese Bilder kanalisiert, ausgedrückt und bewerten werden. Die Geschichten bieten sich außerdem für Reflexionen und Gespräche über das Erlebte an.
Unsere Ideen für den Einstieg – kindgerechte Manga

Kleiner Tai & Omi Sue
Der farbige Manga (Carlsen) ist ab sechs Jahren empfohlen und wird für Anfänger in westlicher Leserichtung angeboten. Es geht um eine ältere Katze, deren Alltag durch einen draufgängerischen Neuling durcheinandergerät. Die kurzen Alltagssituationen eignen sich gut für Gespräche über Bedürfnisse, Rücksichtnahme und das Ankommen in einer neuen Gruppe. Diese Situationen lassen sich simultan auf den Alltag im echten Leben übertragen – wie fühlt es sich an, „neu“ zu sein? Wie durchbrechen wir Alltagsalgorithmen und schaffen es, uns zu öffnen? Welche Bedürfnisse liegen vor und wie können wir die Perspektive übernehmen?

Kleine Katze Chi
Auch „Kleine Katze Chi“ ist farbig, in westlicher Leserichtung angelegt und wird ab sechs Jahren empfohlen. Die einzelnen Episoden erzählen von den Entdeckungen einer jungen Katze in ihrem neuen Zuhause. Chi bietet viele Anlässe, Mimik, Körpersprache und Gefühle zu untersuchen. Zu Beginn verliert die Katze jedoch ihre Mutter. Diese Situation sollte pädagogisch vorbereitet werden, da sie Kinder mit eigenen Trennungs- oder Verlusterfahrungen berühren kann. Es geht hier vor allem um die Aufnahme in einer neuen Familie, mit all ihren sozialen und emotionalen Herausforderungen. Für den Ganztag genügt meist eine kurze, in sich verständliche Episode – der ganze Band muss nicht gemeinsam gelesen werden.

Kleine Katze Chi in Frankreich
Besonders niedrigschwellig ist „Kleine Katze Chi in Frankreich“. Der farbige, manga-nahe Kindercomic umfasst nur 64 Seiten und beschäftigt sich mit einem Umzug, einer neuen Umgebung und einer zunächst fremden Sprache. Damit eröffnet das Buch Gesprächsanlässe zu Mehrsprachigkeit, Fremdheit und dem Ankommen an einem neuen Ort. Die Kinder könnten Begrüßungen in verschiedenen Sprachen sammeln, eigene Lautwörter erfinden oder zeichnen, woran Chi erkennt, dass jemand freundlich zu ihr ist.

Bombo – Das liebste Monster der Welt
„Bombo – Das liebste Monster der Welt“ ist streng genommen kein Manga, sondern ein vollständig farbiges japanisches Bilderbuch. TOKYOPOP empfiehlt es ab sechs Jahren. Die Geschichte handelt von einem riesigen Monster, das zunächst Angst auslöst, tatsächlich aber höflich und freundlich ist. Das Buch eignet sich für Gespräche über vorschnelle Urteile, Mut und den Unterschied zwischen Aussehen und Verhalten. Gerade diese sozialen Probleme können über Bombo thematisiert und besprochen werden und es eignet sich damit sehr gut, Perspektiven zu wechseln und die Gefühle aus Sicht des Monsters zu beschreiben und zu thematisieren.
Bei Animationsfilmen muss genau hingeschaut werden, da Altersfreigabe und pädagogische Eignung nicht immer Hand in Hand gehen. Ein unserer Meinung nach guter Einstieg kann „Mein Nachbar Totoro“ sein, der Film ist ab „0 Jahren“ freigegeben, wird jedoch ab sechs Jahren empfohlen. Hier geht es vor allem um die Themen Natur, Fantasie und Geschwisterbeziehungen. Weiterhin finden wir „Kikis kleiner Lieferservice“ (FSK 0) einen Blick wert, hier geht es vor allem um Selbstzweifel, Ausgrenzung und Leistungsdruck – also schwierige Themen, die in der Gruppe thematisiert werden müssen, damit die kleinen Adressaten nicht überfordert sind. Beide Filme bieten eine große „Fanbase“ und verschiedenste Bilder, Sticker und weitere Produkte, welche von den Lernenden hergestellt werden könnten oder eine Zeichnung wert sind.






