Rollenspiele als Prüfungsform im Zeitalter generativer KI
Wer in einem Rollenspiel eine Entscheidung begründet, auf einen Einwand eingeht und neue Informationen einordnet, kann dabei zeigen, was er verstanden hat. Für schulische Leistungsnachweise ist das interessant: Fachliches Können wird im Gespräch und im Handeln beobachtbar. Unter geeigneten Bedingungen können solche Prüfungen ausgewählte schriftliche Arbeiten ersetzen. Bildungsabenteuer wie die von Epic Education liefern dafür Anregungen. Damit aus einer guten Spielidee eine faire Prüfung wird, braucht es jedoch klar beschriebene Anforderungen und eine Bewertung, die die Leistung jeder einzelnen Person erfasst.
Was eine Prüfung tatsächlich nachweisen soll
Ein sorgfältig formulierter Text sagt zunächst wenig darüber aus, wie er entstanden ist. Gerade bei Hausarbeiten müssen Lehrkräfte einschätzen können, welche Gedanken und Formulierungen die Schülerin oder der Schüler selbst entwickelt hat. Diese Frage gab es bereits vor generativer KI: Auch Eltern, Mitschülerinnen oder andere Personen konnten Texte verfassen oder weitreichend überarbeiten. KI verschärft das Problem, weil sich nun ganze Ausarbeitungen mit wenig Aufwand erzeugen lassen. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (2024, S. 16–17) empfiehlt deshalb, Prüfungsformate weiterzuentwickeln, Arbeitsprozesse stärker einzubeziehen und Leistungen mit sowie ohne KI-Unterstützung vorzusehen.
Welche Form dafür geeignet ist, entscheidet sich am Lernziel. In einem Rollenspiel können Jugendliche etwa einen kommunalen Konflikt verhandeln oder als Redaktion die Glaubwürdigkeit einer Nachricht prüfen. Dabei müssen sie ihr Wissen auf einen konkreten Fall beziehen und ihre Überlegungen erklären. Soll eine Prüfung erfassen, wie jemand ethische Argumente gegeneinander abwägt, kann ein solches Gespräch aufschlussreich sein. Soll dagegen die Fähigkeit beurteilt werden, einen zusammenhängenden argumentativen Text zu schreiben, bleibt eine eigene Schreibleistung erforderlich. Die Prüfungsform muss also zu dem passen, was fachlich nachgewiesen werden soll.
Was Rollenspiele leisten können und was die Forschung zeigt
Beim Pen-and-Paper-Rollenspiel übernehmen die Beteiligten Figuren und gestalten unter Anleitung einer Spielleitung gemeinsam eine Geschichte. Ein Planspiel bildet vor allem Interessenlagen und Entscheidungsprozesse ab, etwa in einem Parlament. In der Unterrichtspraxis können sich beide Formen verbinden. Für eine Prüfung zählt, ob die Situation tatsächlich jene Denk- und Handlungsschritte verlangt, die zum Unterricht gehören. Aufwendige Requisiten oder besonders ausgefeilte Spielregeln sind dafür nicht notwendig.
Eine hilfreiche Grundlage bietet das in der Hochschuldidaktik beschriebene Constructive Alignment: Lernziele, Unterrichtsaktivitäten und Prüfung werden aufeinander abgestimmt (Schaper & Hilkenmeier, 2013, S. 21–24). Übertragen auf die Schule heißt das beispielsweise, dass die Lernenden das Argumentieren in einer Rolle zunächst üben und dazu Rückmeldung erhalten. Erst danach bearbeiten sie eine neue, vergleichbar anspruchsvolle Situation unter Prüfungsbedingungen. Das Verfahren selbst sollte dann bereits vertraut sein. Wie wichtig eine sorgfältige Gestaltung ist, zeigt eine deutsche Pilotstudie von Oberle et al. (2017). Die Forschenden untersuchten Online-Planspiele zur Europäischen Union mit 209 Schülerinnen und Schülern. Viele bewerteten das Angebot positiv. Zwischen Vor- und Nacherhebung zeigten sich jedoch keine nennenswerten Veränderungen bei den untersuchten Kenntnissen, Motivationen und Einstellungen. Eine angeleitete inhaltliche Einführung und eine systematisch betreute Auswertung hatten bei diesen Durchführungen gefehlt. Die Autorinnen und Autoren nennen dies als mögliche Erklärung; nachgewiesen ist dieser ursächliche Zusammenhang damit nicht. Aus einer positiven Spielerfahrung lässt sich folglich weder ein bestimmter Lernerfolg noch die Eignung als benotete Prüfung ableiten. Zudem untersucht die Studie Online-Planspiele, kein Prüfungsverfahren mit Epic Quest.
Epic Education als Ausgangspunkt für Bildungsabenteuer
Mit Epic Quest bietet Epic Education ein Rollen- und Erzählspiel für pädagogische Zwecke an. Laut Produktbeschreibung enthält das Grundregelwerk Empfehlungen für den Unterricht und eine Anleitung zur Entwicklung eigener Bildungsabenteuer. Als theoretische Bezugspunkte nennt der Anbieter unter anderem die Selbstbestimmungstheorie, die Cognitive Load Theory und das 4K-Modell (Epic Education, o. D.-a). Das beschreibt die konzeptionelle Ausrichtung des Angebots; ein unabhängiger Wirksamkeitsnachweis ist diese Selbstdarstellung nicht.
Für die Medienbildung sind beispielsweise zwei Abenteuer anschlussfähig: „Inspector Firewall – Reise ans Ende der Wahrheit“ greift Desinformation auf, „2024“ beschäftigt sich mit Überwachung und Datenschutz. Zum beschriebenen Konzept gehören gemeinsame Entscheidungen, Perspektivwechsel und eine begleitete Reflexion mit Transfer (Epic Education, o. D.-b). Lehrkräfte können daran anknüpfen, wenn sie fachliche Aufgaben für ihre Lerngruppe entwickeln. Für eine Prüfung müssten sie zusätzlich festlegen, welche Leistung jede Person erbringen soll und woran deren Qualität erkennbar wird. Die nachfolgende Idee ist ein eigener didaktischer Vorschlag, kein von Epic Education ausgewiesenes oder bereits validiertes Prüfungsverfahren.
Wie eigene Leistungen trotz KI erkennbar bleiben
Ein Rollenspiel ist nicht schon deshalb „KI-resistent“, weil gesprochen und gespielt wird. Auch Rollenbeschreibungen oder Argumentationen lassen sich mit KI vorbereiten und anschließend vortragen. Interessant wird das Format dort, wo die Lernenden selbst auf den Gesprächsverlauf reagieren müssen: Eine Rückfrage verlangt eine genauere Erklärung, ein Gegenargument stellt die bisherige Position infrage, eine neue Information verändert den Fall. Unter Aufsicht und mit klar geregelten Hilfsmitteln lässt sich dabei beobachten, ob jemand die eigenen Aussagen erklären und auf neue Fragen übertragen kann. „KI-resistent“ bezeichnet hier diese erschwerte Auslagerung der Leistung, keine Garantie gegen Täuschung.
Ein kurzes Einzelgespräch ohne KI-Zugang kann die Beobachtung ergänzen. Die Lehrkraft fragt darin beispielsweise nach, warum ein bestimmter Beleg überzeugend war oder unter welchen Bedingungen ein anderes Urteil sinnvoll wäre. Auch eine beaufsichtigte schriftliche Transferaufgabe kann Eigenständigkeit auf diese Weise erfassen. Die vorausgehende Lernphase darf durchaus KI einbeziehen, etwa um Gegenargumente zu erproben. Dafür müssen Nutzungsregeln, Dokumentation und Zugangsmöglichkeiten geklärt sein. Die Kultusministerkonferenz (2024, S. 6–7) spricht sich entsprechend dafür aus, den reflektierten Umgang mit KI zu berücksichtigen und unter anderem Prozessbewertung sowie Präsentation und Verteidigung weiterzuentwickeln.
Ein Prüfungsbeispiel zur digitalen Öffentlichkeit
Eine mögliche Aufgabe für die Jahrgangsstufen 9 oder 10 beginnt mit einem fiktiven Streitfall: Nach mehreren Vorfällen möchte eine Kommune KI-gestützte Videoüberwachung einführen. Vier Jugendliche übernehmen Rollen aus der Jugendvertretung, der Verwaltung, dem Datenschutz und dem örtlichen Gewerbe. Alle erhalten dasselbe Materialpaket mit geprüften Sachinformationen, einer vereinfachten Erklärung der Technik und widersprüchlichen öffentlichen Stellungnahmen. Sie sollen die Quellen beurteilen, Interessen abwägen und zwischen technischer Machbarkeit und politischer Rechtfertigung unterscheiden.
Zunächst bereitet jede Person unter Aufsicht eine Position vor. Im Gespräch muss sie sich auf das Material beziehen, einen Einwand aufgreifen und ihren Vorschlag begründen. Nach der ersten Runde gibt die Lehrkraft eine neue Information hinzu, etwa einen Bericht über häufige Fehlalarme. Alle bekommen kurz Zeit, ihre Einschätzung zu überprüfen. Als Ausgangspunkt für die Planung sind rund 25 Minuten Gespräch in der Vierergruppe und anschließend drei bis vier Minuten für individuelle Rückfragen denkbar. Ob das ausreicht, muss die Erprobung mit der jeweiligen Lerngruppe zeigen.
Für die abschließende Reflexion verlassen die Jugendlichen ausdrücklich ihre Rollen. Nun geht es darum, welcher Beleg ihr Urteil beeinflusst hat, wo das Rolleninteresse ihre Argumentation eingeschränkt hat und was für eine andere Entscheidung sprechen würde. Bewertet wird, wie gut sie ihre Überlegungen fachlich begründen. Ihre Position muss nicht mit der bevorzugten Lösung der Lehrkraft übereinstimmen. Ein kurzes Entscheidungsprotokoll kann zusätzlich festhalten, wie sich die Position verändert hat. Auch wenn eine schriftliche Arbeit ersetzt wird, kann Schreiben also Teil des Verfahrens bleiben.
Faire Bewertung braucht mehr als eine lebendige Diskussion
Eine lebhafte Gesprächsrunde kann darüber hinwegtäuschen, dass einzelne Lernende kaum Gelegenheit hatten, ihr Wissen zu zeigen. Deshalb braucht die Lehrkraft mehr als einen Gesamteindruck. Die Prüfung soll die beabsichtigte Kompetenz erfassen, möglichst zuverlässige Ergebnisse liefern und nach nachvollziehbaren Maßstäben bewertet werden. Schaper und Hilkenmeier (2013, S. 39–43) erläutern diese Gütekriterien und die Bedeutung klarer Anforderungen und geeigneter Bewertungsverfahren.
Für das vorgeschlagene Szenario könnte ein zunächst zu erprobendes Raster fachliche Richtigkeit und Materialbezug mit 40 Prozent gewichten, begründete Abwägung mit 30 Prozent, den Umgang mit neuen Informationen mit 20 Prozent und die fachliche Reflexion mit 10 Prozent. Zu jedem Bereich gehören beschriebene Qualitätsstufen und Beispiele, die vor der Prüfung besprochen werden. Schauspielerisches Talent, Lautstärke und Würfelglück zählen nicht zur Fachnote. Eine Schülerin kann ihre Rolle zurückhaltend spielen und dennoch eine sehr gute fachliche Leistung erbringen. Ebenso kann ein gut begründeter Vorschlag im Spiel scheitern, ohne dadurch fachlich schlechter zu werden.
Für jede Person sollten mehrere Beobachtungen dokumentiert werden. Fest eingeplante Gesprächsanteile und vergleichbar anspruchsvolle Rückfragen helfen dabei. Wer mehr Zeit zum Formulieren braucht, sollte seine Beiträge vorbereiten können; erforderliche Nachteilsausgleiche müssen berücksichtigt werden. Bei persönlich belastenden Rollen sind gleichwertige Alternativen vorzusehen. Unbenotete Übungsphasen sollten von den Prüfungsphasen klar getrennt sein, damit auch ein offenes Ausprobieren möglich bleibt.
Hinzu kommt der organisatorische Aufwand. Eine Lehrkraft kann mehrere gleichzeitig spielende Gruppen kaum gründlich genug beobachten. Gestaffelte Termine oder zusätzliche Lehrkräfte sind deshalb früh einzuplanen. Auch zwei Kurse können ihre Prüfung gemeinsam organisieren, sofern dadurch ausreichend betreute Prüfungszeiten entstehen. Allein die Zusammenlegung der Gruppen schafft noch keine zusätzliche Beobachtungskapazität.
Wann eine schriftliche Arbeit ersetzt werden darf
Für Hessen berücksichtigt § 73 Abs. 2 des Hessischen Schulgesetzes (HSchG) mündliche, schriftliche, praktische und sonstige unterrichtsbezogene Leistungen. Welche vorgeschriebenen Arbeiten ersetzt werden dürfen, regeln die jeweiligen Vorschriften genauer. Nach § 32 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses (VOGSV) kann in den dort genannten Fächern und Lernbereichen eine schriftliche Arbeit durch einen anderen Leistungsnachweis ersetzt werden; ausdrücklich genannt sind etwa Referate, Hausarbeiten und Projektarbeiten. Anlage 2 Nr. 7.4 VOGSV sieht außerdem vor, dass Lernkontrollen durch eine praktische Arbeit ersetzt werden können.
Ob ein konkretes Rollenspiel diese Voraussetzungen erfüllt, hängt von seiner Ausgestaltung und den für Schulform, Jahrgang und Fach geltenden Regelungen ab. Die bloße Bezeichnung als „mündliche Prüfung“ oder „Projektarbeit“ genügt dafür nicht. Besondere Bestimmungen, etwa für die Oberstufe und Abschlussprüfungen, sind zusätzlich zu beachten. Die hier skizzierte Unterrichtsidee begründet deshalb keine allgemeine Erlaubnis, schriftliche Prüfungen auszutauschen.
Perspektiven für die schulische Prüfungskultur
Perspektiven für die schulische Prüfungskultur
Der Wert eines Rollenspiels zeigt sich besonders in den Momenten, in denen ein vorbereitetes Argument nicht mehr ausreicht. Eine Schülerin muss erklären, warum sie einer Quelle vertraut. Ein Schüler erkennt, dass eine neue Information seine bisherige Entscheidung verändert. Solche Situationen geben der Lehrkraft Einblick in das Verständnis, das hinter einer Antwort steht. Einen verwandten Gedanken nutzen mündliche Prüfungen, beispielsweise im Abitur oder in der beruflichen Ausbildung: Rückfragen können sichtbar machen, wie sicher jemand mit seinem Wissen umgeht. Die Bildungsabenteuer von Epic Education können Schulen Anregungen geben, solche Situationen zu gestalten. Bis daraus ein benoteter Leistungsnachweis wird, braucht es Übung und eine gemeinsame Verständigung über die Anforderungen. Ein vorab besprochenes Bewertungsraster hilft beiden Seiten: Die Jugendlichen wissen, worauf es ankommt, und die Lehrkraft kann ihre Bewertung anhand konkreter Beiträge erklären. Sinnvoll erscheint eine schrittweise Erprobung im Kollegium. Lehrkräfte können Aufgaben gemeinsam entwickeln und vergleichen, wie sie dieselben beobachteten Leistungen einschätzen. Medienzentren können diesen Austausch sowie die Auswahl und Anpassung geeigneter Materialien unterstützen. Ebenso wichtig ist die Rückmeldung der Lernenden: Hatten sie genügend Gelegenheit, ihr Wissen zu zeigen? Waren die Erwartungen verständlich und die Noten nachvollziehbar? Wenn Schulen diese Erfahrungen für die Überarbeitung ihrer Aufgaben nutzen, können Rollenspiele zu einem anspruchsvollen und fairen Bestandteil ihrer Prüfungskultur werden.
Quellen
- Epic Education. (o. D.-a). Epic Quest Grundregelwerk (gedruckt) [Produktbeschreibung]. https://www.epic-education.de/buchung/Epic-Quest-Grundregelwerk-gedruckt-p653531404
- Epic Education. (o. D.-b). Für Kinder und Jugendliche. https://www.epic-education.de/fuer-kinder-und-jugendliche/
- Hessisches Schulgesetz (HSchG) in der Fassung der Bekanntmachung vom 31. März 2023, GVBl. S. 234, zuletzt geändert durch Gesetz vom 22. Juni 2026, GVBl. 2026 Nr. 38. https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2026-08/nichtamtliche_lesefassung_schulgesetz_stand_20260801_.pdf
- Kultusministerkonferenz. (2024). Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen: Themenspezifische Handlungsempfehlung (Beschluss der Bildungsministerkonferenz vom 10.10.2024). https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_10_10-Handlungsempfehlung-KI.pdf
- Oberle, M., Raiser, S., Warkalla, B., Kaiser, K., & Leunig, J. (2017). Online-Planspiele in der politischen Bildung – Ergebnisse einer Pilotstudie. In H. Gapski, M. Oberle, & W. Staufer (Hrsg.), Medienkompetenz: Herausforderung für Politik, politische Bildung und Medienbildung (S. 243–255). Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/3_7_Oberle_Online_Planspiele_ba_0.pdf
- Schaper, N., & Hilkenmeier, F. (2013). Umsetzungshilfen für kompetenzorientiertes Prüfen (HRK-Zusatzgutachten). Hochschulrektorenkonferenz. https://www.hrk-nexus.de/fileadmin/redaktion/hrk-nexus/07-Downloads/07-03-Material/zusatzgutachten.pdf
- Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz. (2024). Large Language Models und ihre Potenziale im Bildungssystem: Impulspapier der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. https://doi.org/10.25656/01:28303
- Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses (VOGSV) vom 19. August 2011, ABl. S. 546, zuletzt geändert durch Art. 7 des Gesetzes vom 22. Juni 2026, GVBl. 2026 Nr. 38. https://www.rv.hessenrecht.hessen.de/bshe/document/hevr-SchulVerhGVHE2011rahmen

